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Der Ursprung des100 jährigen Kalenders


Der unter dem Namen Hundertjähriger Kalender bekannte Text ist das Beispiel eines Schriftstückes, das zu allgemeiner Wertschätzung im Volk und zu weiter Verbreitung gelangt ist, ohne daß dafür sachliche oder literarische Gründe angeführt werden könnten. Trotz der Geringschätzung, ja Verachtung der Fachwelt, als eine "Sammlung von Druckfehlern", wurde er das, was man heute einen Bestseller nennt.

Der ursprünglich Immerwährender Hauskalender benannte Text ist zu einem guten Teil kein originales Gedankengut des Langheimer Cisterzienser-Abtes Mauritius Knauer. Ähnliche Kalender, Praktiken, existierten schon lange, und Knauer hat solche Vorlagen ausgiebig benützt.

Der fromme Abt war ein praktisch denkender Mensch, und er wußte, daß es dem Kloster großen Nutzen bringen würde, wenn man dem Wettergeschehen ein bißchen auf die Schliche kommen könnte. Im Garten und auf den Feldern des Klosters ließe sich mancher Schaden vermeiden oder zumindest in Grenzen halten, sofern es eine einigermaßen zuverlässige Wettervorhersage gäbe.

Dr. Mauritius Knauer war nicht nur Theologe, er hatte sich - an der Universität in Wien - auch astronomischen und naturwissenschaftlichen Studien gewidmet, was seine Beobachtungsgabe schärfte. Mit all seinem Wissen und seiner Erfahrung kam er schließlich zu der Idee, daß den scheinbar chaotischen und undurchschaubaren Wettervorgängen bestimmte Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen müßten. Und so meinte er, daß sich das Wetter alle sieben Jahre in etwa wiederholt.

Auf diesem Sieben-Jahres-Zyklus baute Knauer seinen Kalender auf. Als Kind seiner Zeit vertrat Knauer auch astrologische Vorstellungen, glaubte an das Regiment der 7 bekannten Planeten einschließlich von Sonne und Mond. Diese Regentschaft über alle irdischen Dinge, auch über das Wetter, sollte nach einer festen Ordnung alljährlich von einem Planeten auf den anderen übergehen.

Diese Ordnung beruht auf der Chaldäischen Reihe, in welcher die Planeten hierarchisch nach ihrer Geschwindigkeit geordnet und mit Saturn beginnend notiert werden. Der Jahresregent ist derjenige Planet, dessen Position in dieser Reihe sich aus dem Ergebnis der Division einer um vier verminderten Jahreszahl durch sieben als Rest ergibt, wobei kein Rest der letzten Position (gleich Mond) entspricht.

So ordnete er jedes der sieben Jahre einem Planeten zu und gab dem metereologischen Geschehen damit eine astrologische Grundlage. Das entsprach, wie gesagt, durchaus den Gepflogenheiten der Zeit, in der Astronomie und Astrologie noch eine einzige Wissenschaft bildeten. Selbst der große Astronom Johannes Kepler hat Horoskope erstellt und astrologische Kalender veröffentlicht.

Doch Mauritius Knauer wollte sich nicht mit der Astrologie begnügen. Er baute vielmehr - und das war wirklich neu - auf eine möglichst genaue und langfristige Wetterbeobachtung. Von 1652 bis 1658 führte er Tag für Tag sorgfältig Buch über das Wetter, schrieb auf, was bei Sonnen- oder Mondfinsternis geschah, machte Notizen über das Gedeihen von Feld- und Gartenfrüchten, über den Weinbau, den Fischbestand und das Ungeziefer sowie über auftretende Krankheiten.

Nach sieben Jahren war aus diesen Aufzeichnungen ein systematisch aufgebauter metereologischer Kalender geworden, der später Verbreitung finden sollte. Zunächst diente er jedoch nur den Mönchen des Klosters Langheim, insbesondere jenen Klosterbrüdern, die in der Landwirtschaft beschäftigt waren und für den Klostergarten zu sorgen hatten.

Die Existenz des Knauerschen Kalenders sprach sich allerdings bald herum. Das Kloster wurde um Abschriften gebeten, und so verbreitete sich das Werk nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus in Österreich-Ungarn, in Böhmen und sogar in Russland.

Die erste gedruckte Ausgabe erschien wahrscheinlich im Jahr 1701 - lange nach dem Tod Mauritius Knauers, der 1664 im Alter von 51 Jahren gestorben war. Und erst ca. 20 Jahre später, um 1721, kam einem offensichtlich geschäftstüchtigen Stadt-Physikus von Erfurt namens Hellwig und dem ebenso tüchtigen Verleger Weinmann der Gedanke, aus dem Immerwährenden einen Hundertjährigen Kalender zu machen

Mit den Buchdruck-Ausgaben wurden die Texte immer mehr verfälscht. Schon die Abschriften waren mit vielen Fehlern behaftet. Nun kamen ganze Teile des Textes durcheinander, Monate wurden verwechselt und allerlei Zusätze angebracht. Tatsächlich ist natürlich schon sein Titel eine Falschdeklaration. Es handelt sich, wie oben schon beschrieben, in erster Linie um ein Wettertagebuch, eine über sieben Jahre geführte Beobachtung aus dem Raume Bamberg.

Darauf bezieht sich auch ein durchaus stichhaltiger Einwand, nämlich daß Knauer seine Aufzeichnungen über das Wetter im Frankenland gemacht hat - Vorhersagen könnten sich daher auch nur auf das Fränkische beziehen.

Ganz allgemein wurde und wird angezweifelt, daß der Sieben-Jahres-Zyklus für das Wetter von Bedeutung ist - die Fehlerquoten sprächen dagegen. Knauer selbst weist jedoch immer wieder darauf hin, daß es zu Abweichungen im Wetterlauf kommen kann, daß beispielsweise Sonnen- und Mondfinsternisse oder das Erscheinen von Kometen Einfluß auf das Wetter haben.

Die anhaltende Beliebtheit des Hundertjährigen Kalenders spricht dafür, daß er trotz aller Vorbehalte als ein Stück Volksgut anzusehen ist. Und so ist er, über seinen astrologisch-metereologischen Zweck hinaus, ein hochinteressantes Objekt unserer Kulturgeschichte.

 
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